„Die Alchemie der Unsterblichkeit“ von Kerstin Pflieger

Wir befinden uns im Jahre des Herrn 1711. Der junge Karlsruher Inspektor Icherios Creihn wird überraschend zur Aufklärung einer brutalen Mordserie in das Städtchen Dornfelde im Schwarzwald abberufen. Die Anweisungen seiner Auftraggeber sind knapp und nicht allzu aufschlussreich und am Ziel angekommen stellt Creihn mit Schrecken fest, von Vampiren und Werwölfen umgeben zu sein, die hier Seite an Seite mit Menschen leben. Die Ermittlungen erweisen sich nicht nur wegen der ungewöhnlichen Gegebenheiten als sehr schwierig, auch das aufkeimende Misstrauen zwischen Menschen und Dunkelwesen sowie das kaltblütige Vorgehen des Mörders, setzen Creihn enorm unter Druck.

Eigentlich bin ich keine große Leserin von klassischen Fantasy-Geschichten. Diese hier hat mich jedoch gleich gefesselt, vielleicht weil es sich im Grunde genommen um einen Krimi handelt. Außerdem steh ich auf Vampire und Werwölfe 😉
Die Geschichte nimmt schnell an Fahrt auf und dank des schnörkellosen Schreibstils der Autorin kommt man gut voran. Die Charakterbeschreibungen sind meiner Meinung nach gelungen: die Unsympathischen kann man nicht leiden, die Netten schließt man schnell ins Herz und die Rätselhaften sind schwer zu durchschauen.

Apropos Durchschauen. Ich hatte schon sehr bald eine konkrete Ahnung, wer der Täter ist und sollte mit meinem Tip auch Recht behalten. Meiner Meinung nach hat die Autorin ein paar zu offensichtliche Randbemerkungen ins Geschehen einfließen lassen. Dies hat meinem Lesevergnügen dennoch keinen Abbruch getan, denn es war spannend mitzuverfolgen wie der Mörder den Ermittlern bis zum Schluß immer einen Schritt voraus ist und wie sich Creihn nach und nach die Lösung des Falls erschließt.

Die Geschichte selbst hat mich gefesselt. Allerdings sind mir gleich zu Beginn diverse Parallelen zu Tim Burton’s Film „Sleepy Hollow“ aufgefallen. Die Hauptfigur Icherios Creihn ähnelt nicht nur namentlich der von Johnny Depp gespielten Filmfigur Ichabod Crane. Beide teilen streng wissenschaftliche Ansichten und haben Schwierigkeiten, das Übersinnliche zu akzeptieren. Beide verlieben sich in die zarte Tochter ihres Gastgebers und beide haben rätselhafte Narben, die auf ein dunkles Geheimnis schließen lassen. Man mag das als Hommage sehen, ich war allerdings ein wenig enttäuscht, hatte ich mir von dem Roman doch etwas mehr erwartet, als einen Aufguss einer mir altbekannten Geschichte. Glücklicherweise verlor sich dieser Eindruck beim Weiterlesen, denn die Geschichte rückt dann doch wieder von „Sleepy Hollow“ ab.

Sehr schade finde ich, dass das Lektorat offensichtlich nicht so funktioniert hat wie es hätte sollen: Im Text verstecken sich zahlreiche Tipp- und Zeichenfehler. Natürlich gibt es immer mal ein oder zwei Fehlerchen in Büchern, bei so langen Texten ist das einfach nicht komplett auszuschließen, zumal hier ja auch nur ganz normale Menschen am Werk sind. Hier tritt dieses Phänomen allerdings gehäuft und auffallend oft auf, was mich persönlich wirklich stört. Ich hoffe, dass vor einer eventuellen Neuauflage nochmals korrigiert bzw. in den Fortsetzungen der Reihe von Vorneherein mehr Sorgfalt beim Lektorat aufgewendet wird.

Trotz der erwähnten Mängel habe ich mich beim Lesen von Kerstin Pfliegers Erstlingswerk ausgesprochen gut unterhalten gefühlt und werde mir daher gerne den Nachfolger „Der Krähenturm“ zu Gemüte führen. Ich bin gespannt, wie sich der junge Inspektor weiterentwickelt und bin natürlich neugierig zu erfahren, was es mit seinen Narben auf sich hat.

Tannöd

In einer stürmischen Nacht werden alle Bewohner des Einödhofs Tannöd grausam erschlagen. Die Großeltern, deren Tochter, sowie die beiden kleinen Enkelkinder und die Hofmagd. Das Interessante an diesem Krimi ist der Stil der Autorin Andrea Maria Schenkel. Hier gibt es keinen chronologischen Erzählfluß, die Autorin setzt viel mehr darauf, den Fall und das Drumherum aus einzelnen Fragmenten langsam aufzubauen. Jedes Kapitel erzählt aus einer anderen Perspektive: die der Opfer, der Verhörten und des Mörders. Die Sprache ist knapp und zurückhaltend und unterstreicht das Wesen der nüchternen Dorfbewohner, die hier, teils im Dialekt, zu Wort kommen. Ich habe den Roman innerhalb von zwei Tagen fertig gehabt, fand ihn recht spannend und gut gemacht.

Das eigentlich Packende an diesem Roman ist jedoch das Thema, das dahintersteckt. „Tannöd“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Jahre 1922 wurden auf dem oberbayrischen Einödhof Hinterkaifeck sechs Menschen ermordet – darunter die beiden 2- und 7-jährigen Kinder sowie die Magd, die erst wenige Stunden zuvor ihre Stelle auf dem Hof angetreten hatte. Es dauerte mehrere Tage bis die Leichen entdeckt wurden und dann dauerte es einen weiteren Tag bis die Polizei vor Ort war. Natürlich waren die kriminalistischen Methoden und die Gerichtsmedizin damals gelinde gesagt noch nicht ganz so ausgereift wie heute. Die Schaulustigen taten ihr übriges. Und so wurde der Mörder nie ermittelt, obwohl es viele Gerüchte und Mutmaßungen gab. Das Verhalten der Ermordeten zu ihren Lebzeiten heizte die Spekulationen nur an: sie galten als eigenbrötlerisch und geizig, zudem wurde der Hofherr zweimal wegen Inzest mit seiner Tochter verurteilt.

Der Fall fasziniert die Menschen noch immer. So gibt es eine Seite, die sich dem Mordfall und dessen Aufklärung widmet. Dort findet man alle Details zum Fall, u.a. Zeugenvernehmungen und Tatortfotos. Im zugehörigen Forum kann diskutiert und nach all der Zeit wohl nur noch spekuliert werden, was sich damals in jener Nacht ereignete. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Energie sich die User dort dem Mordfall widmen. Und ich muss sagen, dass dieser Fall auch mich  in den letzten Tagen sehr beschäftigt hat, weswegen ich ja nicht zuletzt beschlossen habe, diesen Artikel zu verfassen. Warum nur fasziniert einen die Grausamkeit der Menschen so?

Quellen:
http://www.hinterkaifeck.net
http://de.wikipedia.org/wiki/Hinterkaifeck