„Der bittere Geschmack der Zeit“ von Béa Gonzales

Eigentlich bin ich Martin von der Blogbar noch einen Artikel schuldig. Ich hatte mich für den Monat September mit dem Roman „Der bittere Geschmack der Zeit“ von Béa Gonzales für das „Project Re-Read“ angemeldet. Aufgrund unseres anstehenden Urlaubs, der mit Baby zu einem logistischen Kraftakt ausgeartet ist, habe ich das leider nicht mehr geschafft. Da ich den Roman jedoch tatsächlich gelesen und sogar noch in bester Absicht angefangen hatte, diese Rezension zu tippen, habe ich mich in den letzten Tagen auf meinen Hosenboden gesetzt und den Text fertig gestellt. Lieber Martin, spät, aber immerhin: mein Beitrag 🙂

Der Roman schildert das Leben der Encarna-Frauen, die im spanischen Städtchen Canteira eine Pension führen. Oberhaupt ist die Matriarchin Maria la Reina, „die Königin“, unter deren Regiment ihre beiden Schwestern Cecilia und Carmen, ihre beiden Töchter Asuncion und Matilde und ihre Enkelin Gloria stehen.

Nachdem Marias an Depressionen leidender Mann sich in den 1920er Jahren erhängt hatte, öffnen die Frauen aus finanzieller Not heraus ihr großes Haus für Reisende und haben damit bald ein so profitables Einkommen, um sie zu einer der reichsten Familien im Ort zu machen. Doch nicht nur die Reisenden kehren gerne im Hotel Encarna ein, auch die Ortsansässigen verbringen viele Abende dort. Cecilias opulente Speisen und Geschichten sind legendär und natürlich möchte jeder einen Blick auf die hochmütige, schöne Maria und die anderen Encarna-Frauen werfen, welche immer wieder für neidvollen Klatsch und Spott im Städtchen sorgen. So erfolgreich das Geschäft der Frauen auch laufen mag, sie werden mehrmals von schlimmen Schicksalsschlägen ereilt. Begonnen beim Selbstmord von Marias Mann folgen im weiteren Verlauf Ereignisse wie Liebesschmerz, Vergewaltigung, Wahnsinn oder Tod, die die kleine Welt der Frauen erschüttern, und auch der Krieg unter Franco hinterlässt seine Spuren.

Die Sprache der Autorin ist blumig, immer wieder flechtet sie spanische Ausdrücke in den Text ein. Manchmal erzählt sie wie die Protagonistin Cecilia zu weitschweifig, sodass ich einige Male kurz davor war, die Geduld mit der Geschichte zu verlieren. Die Figuren sind durchweg sympathisch, auch das raubeinige Familienoberhaupt Maria, und deren Handlungsweisen sind immer nachvollziehbar, doch blieb mir das Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre. Vielleicht hätte die Autorin die Frauengruppe etwas kleiner ausfallen lassen sollen, um sich mehr auf die einzelnen Charaktere konzentrieren zu können. So geraten einige Figuren, deren Innenleben sicherlich auch interessant für den Leser gewesen wäre, leider etwas flach. Beim Lesen habe ich immer wieder an Isabel Allende denken müssen, auch wenn Béa Gonzales‘ Stil bei Weitem nicht an den ihren heran reicht.

Trotz der eben aufgeführten Minuspunkte, habe ich den Roman gerne gelesen. Die Geschichte ist solide und humorvoll erzählt und man erfährt nebenher ein wenig über die Geschichte Spaniens, auch wenn diese eher als Hintergrund für das Leben der Encarna-Frauen dient. Fazit: kann man lesen, ist aber nicht schlimm, wenn man andere Bücher vorzieht.

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