Project ReRead: Ian McEwan’s „Der Zementgarten“

Martin veranstaltet in seinem Blog, der Blogbar, ein Leseprojekt, bei dem es darum geht jeden Monat nach bestimmten Themenvorgaben ein bereits gelesenes Buch nochmals zu lesen und zu rezensieren. Im August war das Thema: Wähle ein Buch, das auf dem Cover Grün enthält. Meine Wahl fiel auf „Der Zementgarten“ von Ian McEwan. Das Buch habe ich vor Jahren gelesen und eigentlich erst durch Martin wieder in meinem Bücherregal entdeckt. Das Cover ist nämlich rundum dunkelgrün 😉

Jack, der Ich-Erzähler, lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in einem alten Haus. Es ist das einzige, das im Viertel noch steht, denn die anderen Gebäude der Umgebung wurden abgerissen. Die Mutter ist eine sanfte, abgehärmte Frau, der Vater verbittert und grantig, der sich allein für seinen Garten zu interessieren scheint. Nach einer Herzattacke darf er keine anstrengende Arbeit mehr verrichten und so beschließt er, den Garten mit Zement zu ebnen. Dabei erleidet er einen weiteren Herzanfall und verstirbt. Die Mutter erkrankt schwer und bald nach dem Vater stirbt auch sie. Da die Familie keine Verwandten hat, fürchten die vier Kinder, von den Behörden getrennt zu werden. Aus diesem Grund fassen sie den Entschluss, den Tod der Mutter zu vertuschen – ein Manöver, das nur gelingen kann, da gerade die Sommerferien begonnen haben und sich die ohnehin wenigen sozialen Kontakte der Kinder nun auf ein Minimum reduzieren. Mit dem noch übrigen Zement „begraben“ sie die Mutter in einer Kiste im Keller. Die Kinder schaffen es, sich in ihr neues Leben einzufinden, in welchem jedoch auf teils groteske Weise die Rollen verschoben werden.

In seinem ersten Roman wagt sich Ian McEwan direkt an zwei heiße Eisen: Tod und Inzest. Er erzählt die Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger, lässt sie stattdessen den ältesten Sohn berichten. Der Stil wirkt sachlich, fast schon kühl. Jack ergießt sich kaum in Gefühlsregungen, was auch daran liegen mag, dass er seine Tage in einem traumwandlerischen Zustand halb verschläft. Diese distanzierte Erzählweise verstärkt das Ungeheuerliche vielleicht sogar noch.

Mir hat der Roman gut gefallen und wird mir dank des schwierigen Themas lange im Gedächtnis bleiben. Ich mag den verschlossenen Stil sowie die Art und Weise wie hier Motive wie Angst und Tod angepackt und von einer ganz anderen Seite beleuchtet werden. In vielen Rezensionen zu diesem Roman fällt immer wieder das Wort „makaber“. Das mag man so sehen, für mich persönlich ist es aber die Geschichte von vier überforderten und isolierten Jugendlichen bzw. Kindern, die eine falsche Entscheidung treffen und in eine ungeheuerliche Situation abdriften. Erst auf den letzten Seiten des Romans sagt die älteste Schwester auf Johns Frage hin, ob es richtig gewesen sei, was sie mit der Mutter gemacht hätten: „Damals schien es selbstverständlich, aber jetzt weiß ich nicht mehr. Vielleicht hätten wir es lassen sollen.“ Doch so wie das Betongrab der Mutter langsam Risse bekommt, beginnt auch die Kulisse, welche die Kinder sich erschaffen haben, zu bröckeln, als sich der Freund der ältesten Schwester immer mehr in das Leben der vier einmischt.

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8 Kommentare zu “Project ReRead: Ian McEwan’s „Der Zementgarten“

  1. Oh das ist ja mal ein sehr interessantes und doch seltenes Thema. In welche Kategorie würdest du das einsortieren? Eher Roman oder Thriller oder gar noch was anderes?
    Gruß Martin

  2. rennhenn sagt:

    Es ist keinesfalls ein Thriller, dazu ist es zu unspannend. Es ist recht ruhig erzählt und es passiert nicht viel. Es ist ein schmaler Roman mit wenigen Seiten, vielleicht ein bisschen Charakterstudie. Könnte man im Schulunterricht auch toll analysieren und zerlegen 😉

  3. Ahja, na das mochte ich ja nie in der Schule. Man wusste ja eh nie was sich der Schriftsteller gedacht hat.

  4. rennhenn sagt:

    Das ist ja egal, was er sich gedacht hat. Es liest ja jeder etwas anderes heraus, je nach Charakter und Erfahrung. Aber zum Glück muss man beim privaten Lesen nicht analysieren. Hab ich in der Schule auch gehasst… und es später dann trotzdem ne Weile lang studiert 😉

  5. Das stimmt natürlich. Studiert? Oha ,das wäre ja gar nix für mich.

    • rennhenn sagt:

      Ja, hab ein paar Semester Literaturwissenschaft gemacht. Hat schon Spaß gemacht. Letztendlich bin ich aber froh, dass ich’s nicht zu Ende gebracht hab.

  6. abraxandria sagt:

    ahhhhh! dieses buch ist ja mein persönliches grauen! ich finde die story so schockierend! ich kann das nicht lesen! musste ich aber in meiner ausbildung… + klausur…

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