Erdbeben

Im Oktober 1999 habe ich im Rahmen eines Schüleraustauschs eine Woche in Istanbul verbracht. Eines Nachts – ich konnte nicht richtig schlafen, weil ich übelst erkältet war – hörte ich ein Grollen. Obwohl es anders klang, als die Gewitter, die ich bisher so erlebt hatte, vermutete ich Donner hinter dem Geräusch. Fast im selben Moment begannen mein Bett und die Möbel im Zimmer zu vibrieren. Ich wusste nicht wie mir geschah und hatte zuerst den Gedanken, dass da ein Zug direkt am Haus vorbeirast. Aber ich hatte doch gar keine Schienen gesehen? Und wieso sollte mein Bett im 10. Stock eines Hochhauses davon wackeln? Noch bevor ich mir einen Reim darauf machen konnte, war alles wieder still. Dafür ging die Zimmertür auf und meine Gastfamilie stand plötzlich an meinem Bett. Sie erklärten mir, dass das ein Erdbeben gewesen sei und dass ich keine Angst haben müsse, es sei verhältnismäßig schwach gewesen und komme sicherlich nicht wieder. Ehrlich gesagt lag mir in diesem Moment nichts ferner, als mir Sorgen zu machen. Mich plagte meine Rotznase und ich wollte nur weiterschlafen. Was ich denn auch tat.

Am nächsten Morgen war das Erdbeben natürlich DAS Gesprächsthema bei uns. Das Ereignis war für uns eine Sensation, die wir eher als spannend denn gefährlich empfunden haben. Im Grunde genommen kam es jedoch nicht überraschend. Zwei Monate zuvor hatte es in der Türkei ein sehr schweres Erdbeben der Stärke 7,6 gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag etwa 100 km von Istanbul entfernt, mehr als 17.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Auch in Istanbul war das Erdbeben deutlich zu spüren und kostete knapp 1.000 Menschenleben. Mehrere Gebäude wurden in Mitleidenschaft gezogen und viele Menschen haben noch Wochen danach in Zelten auf der Straße geschlafen aus Angst vor Nachbeben. Unsere Reise war deswegen auch auf der Kippe gestanden und wir hatten all unsere Überredungskünste aufbringen müssen, um unsere Eltern und Lehrer doch noch davon zu überzeugen.

Als ich vor einigen Tagen die Bilder aus Japan im Fernsehen gesehen habe, ist mir natürlich mein Erlebnis in Istanbul wieder eingefallen. Im Nachhinein denke ich, dass wir die Situation unterschätzt haben. Im Oktober 1999 waren die Ereignisse den Menschen noch frisch in Erinnerung und so haben wir bei unserem Aufenthalt viele Geschichten über das Erdbeben gehört. Wir haben sogar die Risse in den Wänden von Häusern oder Sehenswürdigkeiten wie der Hagia Sofia bestaunt. Und doch: wenn man es selbst nicht erlebt hat, ist es einfach schwer vorstellbar, welche Schäden so ein Beben anrichten kann.  Ich persönlich habe das Nachbeben und die sichtbaren Spuren mit einer Mischung aus Faszination und Unwirklichkeit betrachtet.

Auch die momentanen Ereignisse in Japan übersteigen meine Vorstellungskraft. Ich sehe, was da passiert, ich sehe das Elend der Menschen und ich bin sehr traurig und geschockt darüber. Aber ich tue mir schwer, es wirklich zu verstehen und zu begreifen und das ganze Ausmaß dieser Katastrophe zu fassen. Ich sitze ungläubig vor dem Fernseher und kann nicht glauben, was ich da sehe und höre. Vielleicht ist es den Japanern bis vor wenigen Wochen genauso gegangen, wenn sie von derartigen Katastrophen gehört haben…

Hier noch ein Link für alle, die überlegen zu spenden, aber unsicher sind an welche Organisation:

http://www.dzi.de/downloads/DZI-Spenden-Info-Erdbeben-und-Tsunami-Japan-3.pdf

Das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen prüft Spendenorganisationen und vergibt das DZI-Spendensiegel an vertrauenswürdige Kandidaten.

 

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2 Kommentare zu “Erdbeben

  1. Soni sagt:

    Man ist entsetzt und schockiert, wenn man die Berichte und Bilder sieht, man hat Mitgefühl mit den betroffenen Menschen, aber nachfühlen, nein, das kann sicher keiner, der es nicht selbst erlebt hat.

    Wie es sich anfühlt alles verloren zu haben, vielleicht sogar die liebsten Angehörigen, nicht mal das Notwendigste wie genügend Trinkwasser zur Verfügung zu haben und die Angst wie es weiter geht, ob noch Schlimmeres kommt. Für diese Menschen wird nichts mehr so sein wie davor. Ich denke keiner von uns hier, weit weg, kann das wirklich begreifen.

    LG Soni

  2. rennhenn sagt:

    Ja, ich glaube auch, solche Schicksalsschläge muss man erleben, um wirklich zu verstehen…

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