Tannöd

In einer stürmischen Nacht werden alle Bewohner des Einödhofs Tannöd grausam erschlagen. Die Großeltern, deren Tochter, sowie die beiden kleinen Enkelkinder und die Hofmagd. Das Interessante an diesem Krimi ist der Stil der Autorin Andrea Maria Schenkel. Hier gibt es keinen chronologischen Erzählfluß, die Autorin setzt viel mehr darauf, den Fall und das Drumherum aus einzelnen Fragmenten langsam aufzubauen. Jedes Kapitel erzählt aus einer anderen Perspektive: die der Opfer, der Verhörten und des Mörders. Die Sprache ist knapp und zurückhaltend und unterstreicht das Wesen der nüchternen Dorfbewohner, die hier, teils im Dialekt, zu Wort kommen. Ich habe den Roman innerhalb von zwei Tagen fertig gehabt, fand ihn recht spannend und gut gemacht.

Das eigentlich Packende an diesem Roman ist jedoch das Thema, das dahintersteckt. „Tannöd“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Jahre 1922 wurden auf dem oberbayrischen Einödhof Hinterkaifeck sechs Menschen ermordet – darunter die beiden 2- und 7-jährigen Kinder sowie die Magd, die erst wenige Stunden zuvor ihre Stelle auf dem Hof angetreten hatte. Es dauerte mehrere Tage bis die Leichen entdeckt wurden und dann dauerte es einen weiteren Tag bis die Polizei vor Ort war. Natürlich waren die kriminalistischen Methoden und die Gerichtsmedizin damals gelinde gesagt noch nicht ganz so ausgereift wie heute. Die Schaulustigen taten ihr übriges. Und so wurde der Mörder nie ermittelt, obwohl es viele Gerüchte und Mutmaßungen gab. Das Verhalten der Ermordeten zu ihren Lebzeiten heizte die Spekulationen nur an: sie galten als eigenbrötlerisch und geizig, zudem wurde der Hofherr zweimal wegen Inzest mit seiner Tochter verurteilt.

Der Fall fasziniert die Menschen noch immer. So gibt es eine Seite, die sich dem Mordfall und dessen Aufklärung widmet. Dort findet man alle Details zum Fall, u.a. Zeugenvernehmungen und Tatortfotos. Im zugehörigen Forum kann diskutiert und nach all der Zeit wohl nur noch spekuliert werden, was sich damals in jener Nacht ereignete. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Energie sich die User dort dem Mordfall widmen. Und ich muss sagen, dass dieser Fall auch mich  in den letzten Tagen sehr beschäftigt hat, weswegen ich ja nicht zuletzt beschlossen habe, diesen Artikel zu verfassen. Warum nur fasziniert einen die Grausamkeit der Menschen so?

Quellen:
http://www.hinterkaifeck.net
http://de.wikipedia.org/wiki/Hinterkaifeck
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Ein Kommentar zu “Tannöd

  1. Siegfried sagt:

    Warum fasziniert die Grausamkeit _anderer_ Menschen so? Vielleicht, weil man da Seiten an sich selbst entdeckt, die man gut unter Kontrolle wähnt? Vielleicht, weil man auf Andere zeigen kann und sagen „so schlimm wie der da bin ich nicht“? Vielleicht, weil man sich eben dadurch vormacht, dass der dünne Putz der Zivilisation dick genug ist, um nicht selber so auszurasten?

    Es gibt Studien, die belegen, dass die Allermeisten von uns durchaus zu excessiver Gewalt fähig sind. Die bekannteste Studie dürfte das Stanford Prison Experiment sein (http://de.wikipedia.org/wiki/Stanford-Prison-Experiment http://www.prisonexp.org/deutsch/ http://www.artikel-online.de/Artikel/Sonstiges/stanford-gefaengnis-experiment.aspx)

    Nicht ganz so drastisch, aber im Prinzip das Gleiche: Das Milgram Experiment (http://en.wikipedia.org/wiki/Milgram_experiment).

    Du hast mit Deiner lapidaren Erkenntnis mal eben einen Blick in den absoluten Abgrund der sogenannten Menschlichkeit getan.

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